Texte und Gedanken

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen,
Erwachsenen, damit sie aufwachen.
Jorge Bucay, Argentinischer Autor, Psychiater und Gestalttherapeut

Meine Botschaft für das Jahr 2019
Perspektivwechsel

Entwicklungsbegleitung bedeutet Liebe
Nein, die Wahrheit ist
Dass Entwicklungsbegleitung zuallererst Mühe und Arbeit ist
Ich glaube nicht
Dass ich ausreichend Geduld aufbringen kann
Dass ich zu meiner inneren Balance finden kann
Dass ich mich selbst genügend lieben kann
Es ist doch so
Dass die Menschen immer schwieriger werden
Ich weigere mich zu glauben
Dass ich mit meiner Begleitung etwas bewegen kann in dieser Welt
Dass ich die Menschen mit anderen Augen sehen kann
Es ist doch ganz klar
Dass die Liebe auf der Erde fehlt
Ich kann unmöglich glauben
Nichts wird sich verändern
Es wäre gelogen, würde ich sagen:
Mit meiner Entwicklungsbegleitung kommt Liebe auf die Welt!

Und nun lesen Sie den Text von unten nach oben!

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Die Welt

Ein kleiner Junge kam zu seinem Vater und wollte mit ihm spielen. Der aber hatte keine Zeit für den Jungen und auch keine Lust zum Spiel. Also überlegte er, womit er seinen Sohn beschäftigen könnte.
Er fand in einer Zeitschrift eine komplizierte und detailreiche Abbildung der Erde. Dieses Bild riss er aus und zerschnitt es dann in viele kleine Teile. Das gab er dem Jungen und dachte, dass der nun mit diesem schwierigen Puzzle wohl eine ganze Zeit beschäftigt sei.
Der Junge zog sich in eine Ecke zurück und begann mit dem Puzzle. Nach wenigen Minuten kam er zum Vater und zeigte ihm das fertig zusammengesetzte Bild.
Der Vater konnte es kaum glauben und fragte seinen Sohn, wie er das geschafft habe.
Das Kind sagte: „Ach, auf der Rückseite war ein Mensch abgebildet. Den habe ich richtig zusammengesetzt. Und als der Mensch in Ordnung war, war es auch die Welt.“
Quelle unbekannt
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Ab vor die Tür

Ich hatte eine ganz besondere Oma. Sie war nicht meine wirkliche Großmutter, sondern eine Nachbarin, die ich im Alter von 6 Jahren als meine “Oma” auserkoren hatte. Sie war Anfang 60 – für mich als Kind natürlich eine “alte Frau” – und alleinstehend. Inzwischen bin ich selbst 67 Jahre und sehe das selbstverständlich etwas anders.

Aber meine Oma war wirklich besonders. Sie hatte mehrere Tiere: eine Katze, einen Schäferhund, ein Kaninchen und einen Wellensittich. Alle Tiere bewegten sich oft frei in ihrer Wohnung und schienen sich zu vertragen: die Katze jagte den Wellensittich nicht, Hund und Katze verhielten sich nicht so, wie ich es von Hund und Katze gewöhnt war. Meine Oma machte auch sonst noch Dinge, die man von einer Frau damals nicht unbedingt erwartete. Sie hatte damals schon ein Auto und fuhr damit in der “Welt” herum. Außerdem spielte sie leidenschaftlich Karten – sie zockte gerne. Sie schien immer das zu tun, wonach ihr zumute war. Ich wusste zwar damals noch nicht so ganz genau, was sich für eine ältere Frau gehört und was nicht, aber ich spürte, dass sie anders war. Ihr Leben schien immer bunt zu sein und sie hatte viel Spannendes zu erzählen.

Auch mir gegenüber verhielt sich meine Oma anders als ich es von meinen Eltern gewöhnt war. Bei ihr bekam ich soviel Süßigkeiten wie ich wollte, ich musste nichts essen, was mir nicht schmeckte, nur weil es gesund war. Wenn ich bei ihr übernachtete, durfte ich so lange aufbleiben, wie ich wollte. Ich hatte immer das Gefühl, alles tun zu können, was ich wollte. Trotzdem bekam ich alle Konsequenzen meines Handelns liebevoll, aber direkt vermittelt. Wenn mir schlecht war, weil ich zu viel Süßigkeiten gegessen hatte, nahm sie mich in den Arm, tröstete mich, aber erklärte mir, wie mein “Innenleben” funktionierte. Wenn ich morgens nicht aufstehen mochte, weil ich zu spät ins Bett gegangen war, nahm sie mich an der Hand, unterstützte mich beim Waschen und Ankleiden – aber aufstehen musste ich trotzdem. Auf diese Weise lernte ich sehr schnell, mich selbst zu begrenzen und darauf zu achten, was mir gut tat und was nicht.

Sie war für mich da, wenn ich sie brauchte, sie tröstete mich, wenn mir etwas weh tat oder wenn ich traurig war. Sie machte mir keine Vorwürfe, wenn mir ein Missgeschick passiert war. Sie war mir nicht böse, wenn ich etwas verbockt hatte, sondern sie half mir, es wieder auszubügeln.
Sie war einfach die tollste Oma auf der Welt für mich.

Nur eines konnte meine Oma absolut nicht leiden: schlechte Laune. Es war für sie unhöflich, andere Menschen mit der eigenen Unzufriedenheit zu belasten oder diese sogar dafür verantwortlich zu machen. Deshalb war Übellaunigkeit für ein gelingendes Miteinander von Menschen nicht zu akzeptieren. Wenn ich mal quengelte oder maulte, war meine Oma konsequent streng. Sie nahm mich an den Schultern oder im Nacken und schob mich vor die Tür mit den Worten: “Ich glaube, du brauchst mal ein bisschen frische Luft und musst mal etwas draußen spielen. Wenn es dir besser geht, kannst du wieder reinkommen.” Auch an diese Situationen erinnere ich ich gut. Ich stand im ersten Moment sauer und grantig im Freien, trat gegen die Steinchen auf dem Kiesweg, trottete unschlüssig im Garten herum. Aber meist dauerte es nicht lange, bis ich irgendetwas Interessantes in der Natur entdeckte und mich dann neugierig der Erkundung “der Welt” zuwandte, so dass ich schnell vergaß, wie ich eigentlich ins Freie gelangt war.

Diese Haltung meiner Oma – liebevoll, selbst neugierig, selbstverantwortlich – hat mich bis heute geprägt. Ich habe viel Freude am Leben, manchmal schicke ich mich auch selbst vor die Tür, um in der Natur wieder meine Mitte zu finden.
Manchmal denke ich, dass es sicher manchem Menschen gut tun würde, vor die Tür zu gehen und ein wenig zu spielen …
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Das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile!

Aus einem indischen Märchen, das in vielen verschiedenen Versionen überliefert und weitererzählt wird:

Es waren einmal sechs blinde indische Kinder, die im Schulunterricht einer zweiten Klasse saßen. Auf dem Lehrplan stand Naturkunde und Thema des Tages war der Elefant. Der Lehrer hatte lange überlegt, wie er dieses Lebewesen seinen Schülern am besten nahe bringen könnte. Da in der Blindenschule das Berühren und Betasten neben dem Hören eine große Rolle spielt, entschloss er sich, einen lebenden Elefanten als Lernbeispiel zu nehmen, um die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Er führte sie zu einem Elefanten; jedes Kind hatte Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen und den anderen mitzuteilen, mit was, nach ihren bisherigen Erfahrungen, der Elefant vergleichbar wäre.

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Aber was ergibt das zusammen: Eine Schlange und ein welkes Blatt und ein Baum und ein Zweig und eine Höhle und ein hoher Berg?

Der Lehrer war zunächst ratlos, aber dann ließ er den Kindern Zeit und Raum. Die Kinder blieben nicht an einer Stelle, sie bewegten sich und während der gesamten Zeit kommunizierten sie miteinander und mit dem Elefanten, der sich selbst auch bewegte und auf die Bewegungen und Berührungen der Kinder reagierte.
So entstand nach und nach ein (fast) komplettes Bild des Elefanten bei allen Kindern.

In meiner Diagnostik beobachte ich die Menschen in verschiedenen Situationen. Manchmal wende ich auch Tests an, besonders im kognitiven Bereich. Dann bemühe ich mich, im Dialog mit dem Menschen und eventuell anderen beteiligten Personen, ein ganzheitliches Bild zu erstellen.

Hierzu möchte ich Oliver Sacks, einen bekannten US-amerikanischen Neurologen und Schriftsteller zitieren:

“Nach all den Tests war ich immer noch verwirrt. Stephen erschien zugleich sehr behindert und sehr begabt. Waren nun seine Behinderungen und seine Begabungen völlig getrennt oder auf einer tieferen Ebene ineinander verwoben? Gab es Eigenschaften, wie die autistische Detailtreue und Konkretheit, die in manchen Zusammenhängen Begabungen und in anderen Beeinträchtigungen waren? Die Tests riefen auch ein Unbehagen in mir hervor, als hätte ich tagelang versucht, Stephen auf Behinderungen und Begabungen zu reduzieren, ohne ihn als Menschen, als Ganzes zu sehen.”

Letztendlich gilt für mich der Satz von Antoine de Saint-Exupéry: Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.