Der Suchende
Ein Mann machte sich auf den Weg in das Dorf Kammir. Kurz vor dem Ort entdeckte er einen kleinen Friedhof. Neugierig ging er durch das Tor und begann, die Inschriften auf den Grabsteinen zu lesen.
Zu seinem Erschrecken standen dort Lebenszeiten wie: acht Jahre, fünf Jahre oder elf Jahre. Tief bewegt fragte er sich, welches Unglück dieses Dorf getroffen haben musste, dass hier so viele Kinder begraben lagen.
Ein Friedhofswärter bemerkte seine Bestürzung und erklärte ihm schließlich den besonderen Brauch des Dorfes.
Jeder junge Mensch erhalte mit fünfzehn Jahren ein kleines Heft. In diesem Heft würden im Laufe des Lebens all jene Momente festgehalten, in denen jemand wirklich glücklich war – und auch, wie lange dieses Glück anhielt. Wenn ein Mensch stirbt, werden alle diese Zeiten zusammengerechnet. Die Summe wird auf den Grabstein geschrieben.
Denn für die Menschen in diesem Dorf zählt nicht die Zeit, die vergeht – sondern die Zeit, die wirklich gelebt wurde.
Nach einer Geschichte von Jorge Bucay („Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“).
Ich wünsche uns allen so ein Buch gelebter Glücksmomente. Vielleicht ist das eine Möglichkeit, ein Gegengewicht zu den vielen Katastrophen unserer Zeit zu schaffen.