Sorgen brauchen einen Ort

Manchmal entstehen Ängste nicht aus dem, was geschieht, sondern daraus, dass Gedanken keinen Ort finden dürfen. Sie bleiben im Kopf, drehen sich weiter, werden größer – besonders dann, wenn es still wird. Viele Menschen kennen diesen Moment am Abend, wenn die Ablenkung des Tages endet und Sorgen plötzlich sehr präsent sind. Das ist bei Kindern natürlich nicht anders.

In Finnland gibt es eine einfache Gewohnheit, die „Sorgenstunde“ genannt wird. Sie ist kein kompliziertes Verfahren, sondern eine Zeit, in dem ein Kind alles erzählen darf, was es gerade bewegt. Zehn oder fünfzehn Minuten, meist am Abend vor dem Schlafengehen. Der Erwachsene hört einfach nur zu, er bewertet nicht, er greift nicht sofort beruhigend ein und sucht nicht nach Lösungen – er hört einfach nur zu.

Der vielleicht wichtigste Satz in dieser Zeit lautet:

„Danke, dass du mir das sagst.“

Allein dieser Satz verändert etwas. Sorgen müssen nicht mehr im eigenen Kopf festgehalten werden. Sie dürfen ausgesprochen werden und verlieren dadurch oft ein Stück ihrer Macht. Das Kind – und vielleicht auch der Erwachsene – erlebt: Gedanken kommen und gehen. Gefühle dürfen da sein, ohne das ganze Erleben zu bestimmen.

Vielleicht ist die Sorgenstunde deshalb weniger eine Methode als eine Haltung. Sie vermittelt: Alles darf gedacht und gefühlt werden, aber nichts muss uns vollständig bestimmen.

Vielleicht brauchen Sorgen nicht sofort Lösungen.

Vielleicht brauchen sie zuerst einen Ort.

Über Finnland wird berichtet, dass diese regelmäßige Sorgenstunde bei Kindern später bei Jugendlichen die Angststörungen um ca. 80 % reduziert.

Sorgen brauchen einen Ort