Wer bin ich? - unterwegs in meiner eigenen Kutsche
In meinem letzten Beitrag stand die Frage im Mittelpunkt: Wer bin ich? Die Gedanken von Descartes und Damasio haben dabei einen Weg sichtbar gemacht – vom Denken hin zum Fühlen als Grundlage unseres Menschseins.
Die Geschichte von der Kutsche, die Jorge Bucay erzählt, eröffnet noch einmal eine neue Perspektive auf diese Frage.
Ein Mensch erhält eines Tages ein besonderes Geschenk: eine wunderschöne Kutsche. Sie ist sorgfältig gearbeitet, elegant und bequem. Alles scheint genau zu ihm zu passen. Zunächst sitzt er darin und genießt den Anblick der Landschaft. Doch bald merkt er, dass sich nichts verändert. Die Kutsche steht still.
Ein Hinweis von außen macht ihn darauf aufmerksam, dass etwas fehlt: Eine Kutsche braucht Pferde. Also sucht er zwei kräftige Pferde und spannt sie an. Endlich bewegt sich die Kutsche. Die Fahrt ist aufregend, voller neuer Eindrücke. Doch schon bald merkt er, dass die Pferde unruhig sind. Sie ziehen ihn mal hierhin, mal dorthin, ohne dass er Einfluss auf den Weg hat. Die Fahrt wird anstrengend und sogar gefährlich.
Wieder erhält er einen Hinweis: Es fehlt noch jemand – der Kutscher. Erst als er einen erfahrenen Kutscher findet und dieser die Zügel übernimmt, verändert sich die Situation grundlegend. Die Pferde werden geführt, die Geschwindigkeit angepasst, der Weg bewusst gewählt. Nun wird die Fahrt ruhig, sicher und angenehm. Jetzt kann er die Reise wirklich genießen.
(Buchtipp: Jorge Bucay, Drei Fragen – Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem?)
In dieser Allegorie lassen sich drei Ebenen unseres Menschseins erkennen: der Körper als Kutsche, der uns durch das Leben trägt; die Gefühle als Pferde, die uns in Bewegung bringen; und der Geist als Kutscher, der Orientierung gibt und Entscheidungen ermöglicht.
Keine dieser Ebenen kann für sich allein bestehen. Ein starker Körper ohne innere Bewegung bleibt stehen. Starke Gefühle ohne Orientierung können uns in Richtungen führen, die wir nicht gewählt haben. Und reines Denken ohne Verbindung zu Körper und Gefühl bleibt ohne lebendige Erfahrung.
Vielleicht sind wir nicht nur das, was wir denken. Und auch nicht nur das, was wir fühlen. Wir sind das Zusammenspiel von Körper, Gefühl und Geist – das lebendige Unterwegssein in unserer eigenen Kutsche. Wenn alle drei miteinander in Beziehung stehen, entsteht Orientierung, Bewegung und Erfahrung.
Vielleicht liegt genau darin eine mögliche Antwort auf die Frage: Wer bin ich?