Das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile!
Aus einem indischen Märchen, das in vielen verschiedenen Versionen überliefert und weitererzählt wird:
Es waren einmal sechs blinde indische Kinder, die im Schulunterricht einer zweiten Klasse saßen. Auf dem Lehrplan stand Naturkunde und Thema des Tages war der Elefant. Der Lehrer hatte lange überlegt, wie er dieses Lebewesen seinen Schülern am besten nahe bringen könnte. Da in der Blindenschule das Berühren und Betasten neben dem Hören eine große Rolle spielt, entschloss er sich, einen lebenden Elefanten als Lernbeispiel zu nehmen, um die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen.
Der Lehrer führte die Kinder zu einem Elefanten; jedes Kind hatte Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen und den anderen mitzuteilen, mit was, nach ihren bisherigen Erfahrungen, der Elefant vergleichbar wäre.

Die Kinder nannten Unterschiedliches, je nachdem, wo sie sich befanden. Eine Schlange, ein welkes Blatt, ein Baum, ein Zweig, eine Höhle, ein hoher Berg.
Aber was ergibt das zusammen: Eine Schlange und ein welkes Blatt und ein Baum und ein Zweig und eine Höhle und ein hoher Berg?
Der Lehrer war zunächst ratlos, aber dann ließ er den Kindern Zeit und Raum. Die Kinder blieben nicht an einer Stelle, sie bewegten sich und während der gesamten Zeit kommunizierten sie miteinander und mit dem Elefanten, der sich selbst auch bewegte und auf die Bewegungen und Berührungen der Kinder reagierte.
So entstand nach und nach ein (fast) komplettes Bild des Elefanten bei allen Kindern.
In meiner Diagnostik beobachte ich die Menschen in verschiedenen Situationen. Manchmal wende ich auch Tests an, besonders im kognitiven Bereich. Dann bemühe ich mich, im Dialog mit dem Menschen und eventuell anderen beteiligten Personen, ein ganzheitliches Bild zu erstellen.
Hierzu möchte ich Oliver Sacks, einen bekannten US-amerikanischen Neurologen und Schriftsteller zitieren:
„Nach all den Tests war ich immer noch verwirrt. Stephen erschien zugleich sehr behindert und sehr begabt.
Waren nun seine Behinderungen und seine Begabungen völlig getrennt oder auf einer tieferen Ebene ineinander verwoben? Gab es Eigenschaften, wie die autistische Detailtreue und Konkretheit, die in manchen Zusammenhängen Begabungen und in anderen Beeinträchtigungen waren?
Die Tests riefen auch ein Unbehagen in mir hervor, als hätte ich tagelang versucht, Stephen auf Behinderungen und Begabungen zu reduzieren, ohne ihn als Menschen, als Ganzes zu sehen.”
Letztendlich gilt für mich der Satz von Antoine de Saint-Exupéry: Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.