Was richtet Menschen auf?
Vor einigen Wochen hörte ich während einer Autofahrt einen kurzen Beitrag im Radio. Darin sprach ein Propst über ein Gemälde von Caravaggio, das die Berufung des Matthäus zeigt.
Ein Satz ließ mich nicht mehr los:
„Jesus richtet ihn auf.“
- Nicht indem er ihn belehrt.
- Nicht indem er ihn verurteilt.
- Nicht indem er ihn verändert.
• Er sieht ihn.
• Er spricht ihn an.
• Er streckt ihm die Hand entgegen.
Und Matthäus richtet sich auf.
Seitdem begleitet mich dieser Gedanke.
Wie oft sprechen wir davon, Menschen zu fördern, sie zu erziehen, sie zu entwickeln oder ihnen etwas beizubringen. Viel seltener frage ich mich inzwischen:
Was richtet einen Menschen eigentlich auf?
Vor einiger Zeit hörte ich einen Satz von André Stern, den ich bis heute nicht als wörtliches Zitat belegen konnte, der aber seine Haltung wunderbar beschreibt:
Ich bin nicht unterrichtet worden – ich bin aufgerichtet worden.
Vielleicht liegt genau darin ein entscheidender Unterschied.
Unterrichten vermittelt Wissen.
Aufrichten schenkt Vertrauen.
Unterrichten kann erklären.
Aufrichten eröffnet Möglichkeiten.
Unterrichten richtet den Blick oft auf das, was noch fehlt.
Aufrichten erinnert einen Menschen an das, was bereits in ihm angelegt ist.
Auch Gerald Hüther beschreibt Entwicklung heute nicht mehr als das Anhäufen neuer Kompetenzen, sondern als eine Befreiung aus Verwicklungen.
Vielleicht ist Aufrichten genau das: Menschen dabei zu helfen, sich aus den Verstrickungen von Angst, Scham, Bewertungen und alten Glaubenssätzen zu lösen.
Ich glaube inzwischen, dass Entwicklungsbegleitung genau das versucht.
Nicht Menschen zu formen.
Nicht sie zu verbessern.
Sondern ihnen so zu begegnen, dass sie den Mut finden, sich selbst wieder aufzurichten.
Vielleicht beginnt Entwicklung genau dort.