Zeugnistag

In der vergangenen Woche haben Kinder und Jugendliche in Bremen und Niedersachsen ihre Zeugnisse erhalten. Für die einen war es ein Grund zur Freude, für andere vielleicht eine Enttäuschung oder sogar eine große Sorge.

Als ich daran dachte, fiel mir sofort ein Lied von Reinhard Mey ein, das mich seit vielen Jahren begleitet: „Zeugnistag“.

Darin erzählt er von einem Jungen, der aus Angst vor den Reaktionen seiner Eltern deren Unterschrift unter seinem Zeugnis fälscht. Als die Täuschung auffliegt, geschieht etwas völlig Unerwartetes: Seine Eltern stellen sich nicht gegen ihn, sondern an seine Seite.
In seiner Erinnerung ist das Gefühl ganz stark, auch im Scheitern angenommen zu sein.

Besonders bewegt mich die Botschaft, die Reinhard Mey am Ende des Liedes formuliert. Sinngemäß sagt er, dass er allen Kindern Eltern wünscht, die ihnen gerade dann Zuflucht geben, wenn etwas schiefgegangen ist.

Ich glaube, genau das ist es, was Kinder brauchen. Nicht Eltern, die belohnen oder bestrafen, sondern Eltern, die auch in schwierigen Momenten hinter ihrem Kind stehen.

Zeugnisse sagen etwas über schulische Leistungen aus. Sie sagen aber nur sehr wenig über die Fähigkeiten, die Kreativität, die Liebenswürdigkeit oder die Zukunft eines Menschen.
Vielleicht bleibt von einem Zeugnistag viel weniger die Note in Erinnerung als die Frage:
Wie haben die Menschen reagiert, die mich lieben?

Vielleicht ist dieses Lied nicht nur etwas für Eltern, sondern auch für unser eigenes inneres Kind.

Wer das Lied noch nicht kennt, dem möchte ich es sehr ans Herz legen. Es gehört für mich zu den schönsten Liedern über das, was Kinder wirklich stark macht.
Wer das Lied hören möchte, findet hier eine bemerkenswerte Live-Aufnahme: Reinhard Mey – Zeugnistag

Zeugnistag