BemerkensWERT
Wirklich bemerkenswert ist nicht,
was ein Mensch leistet, sondern
was ihn innerlich bewegt.
Viktor Frankl
Viktor Frankl lädt genau zu dieser stillen Tiefe ein: hinzuschauen, was einen Menschen innerlich bewegt, ohne zu bewerten, ohne zu drängen.
Gerade heute wirkt seine Haltung fast wie ein Gegenpol zur Beschleunigung:
nicht optimieren, nicht erklären, sondern wahrnehmen.
Das wirklich Bemerkenswerte zeigt sich dann oft ganz leise – im Sinn, den ein Mensch seinem Erleben gibt.
Ich möchte in dieser Rubrik bemerkenswerte Texte, Filme, Bücher, die mir „über den Weg laufen” an euch weitergeben. Vielleicht hält ja die eine oder der andere von euch es auch für wert, dies wahrzunehmen oder zu beachten.
Die Welt
Ein kleiner Junge kam zu seinem Vater und wollte mit ihm spielen. Der aber hatte keine Zeit für den Jungen und auch keine Lust zum Spiel. Also überlegte er, womit er seinen Sohn beschäftigen könnte.
Er fand in einer Zeitschrift eine komplizierte und detailreiche Abbildung der Erde. Dieses Bild riss er aus und zerschnitt es dann in viele kleine Teile. Das gab er dem Jungen und dachte, dass der nun mit diesem schwierigen Puzzle wohl eine ganze Zeit beschäftigt sei.
Der Junge zog sich in eine Ecke zurück und begann mit dem Puzzle. Nach wenigen Minuten kam er zum Vater und zeigte ihm das fertig zusammengesetzte Bild.
Der Vater konnte es kaum glauben und fragte seinen Sohn, wie er das geschafft habe.
Das Kind sagte: „Ach, auf der Rückseite war ein Mensch abgebildet. Den habe ich richtig zusammengesetzt. Und als der Mensch in Ordnung war, war es auch die Welt.“
Eine überlieferte Geschichte (Autor unbekannt)
Beginne bei dir, wenn du die Welt ändern möchtest.
Das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile!
Aus einem indischen Märchen, das in vielen verschiedenen Versionen überliefert und weitererzählt wird:
Es waren einmal sechs blinde indische Kinder, die im Schulunterricht einer zweiten Klasse saßen. Auf dem Lehrplan stand Naturkunde und Thema des Tages war der Elefant. Der Lehrer hatte lange überlegt, wie er dieses Lebewesen seinen Schülern am besten nahe bringen könnte. Da in der Blindenschule das Berühren und Betasten neben dem Hören eine große Rolle spielt, entschloss er sich, einen lebenden Elefanten als Lernbeispiel zu nehmen, um die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen.
Der Lehrer führte die Kinder zu einem Elefanten; jedes Kind hatte Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen und den anderen mitzuteilen, mit was, nach ihren bisherigen Erfahrungen, der Elefant vergleichbar wäre.
Die Kinder nannten Unterschiedliches, je nachdem, wo sie sich befanden. Eine Schlange, ein welkes Blatt, ein Baum, ein Zweig, eine Höhle, ein hoher Berg.
Aber was ergibt das zusammen: Eine Schlange und ein welkes Blatt und ein Baum und ein Zweig und eine Höhle und ein hoher Berg?
Der Lehrer war zunächst ratlos, aber dann ließ er den Kindern Zeit und Raum. Die Kinder blieben nicht an einer Stelle, sie bewegten sich und während der gesamten Zeit kommunizierten sie miteinander und mit dem Elefanten, der sich selbst auch bewegte und auf die Bewegungen und Berührungen der Kinder reagierte.
So entstand nach und nach ein (fast) komplettes Bild des Elefanten bei allen Kindern.
In meiner Diagnostik beobachte ich die Menschen in verschiedenen Situationen. Manchmal wende ich auch Tests an, besonders im kognitiven Bereich. Dann bemühe ich mich, im Dialog mit dem Menschen und eventuell anderen beteiligten Personen, ein ganzheitliches Bild zu erstellen.
Hierzu möchte ich Oliver Sacks, einen bekannten US-amerikanischen Neurologen und Schriftsteller zitieren:
„Nach all den Tests war ich immer noch verwirrt. Stephen erschien zugleich sehr behindert und sehr begabt.
Waren nun seine Behinderungen und seine Begabungen völlig getrennt oder auf einer tieferen Ebene ineinander verwoben? Gab es Eigenschaften, wie die autistische Detailtreue und Konkretheit, die in manchen Zusammenhängen Begabungen und in anderen Beeinträchtigungen waren?
Die Tests riefen auch ein Unbehagen in mir hervor, als hätte ich tagelang versucht, Stephen auf Behinderungen und Begabungen zu reduzieren, ohne ihn als Menschen, als Ganzes zu sehen.”
Letztendlich gilt für mich der Satz von Antoine de Saint-Exupéry: Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
Die Ganzheitliche Entwicklungsbegleitung Doering
Wenn du Menschen in ihrer Entwicklung begleiten willst,
dann versuche nicht, sie zu ändern, ändere dich selbst.
Waltraut Erika Doering
ist ein psychologisch/pädagogisches Konzept für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Grundlage ist eine Haltung, die vom Respekt vor der Individualität des Menschen in seinen unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten ausgeht. Diese Sichtweise schließt das Anwenden einer starren Methodik und unveränderlichen Übungsprogrammen aus.
Die Ganzheitliche Entwicklungsbegleitung sieht jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit und seiner Einheit von Körper, Seele und Geist. Jeder Mensch trägt sein gesamtes Potenzial in sich – er ist in sich vollkommen und mit ganz spezifischen Eigenschaften und Fähigkeiten ausgestattet.
Die Aufgabe des Entwicklungsbegleiters bzw. der Entwicklungsbegleiterin besteht darin, Bedingungen zu schaffen, in denen ein Mensch dieses Potenzial zur Entfaltung bringen kann.
Da jeder Mensch seine Welt und Wirklichkeit in einem Wechselspiel von Stabilität und Instabilität selbst konstruiert und dementsprechend Entwicklungsprozesse von außen nicht gelenkt oder gestaltet werden können, beschränkt sich die Ganzheitliche Entwicklungsbegleitung auf die Gestaltung von Rahmenbedingungen und den sensiblen Umgang mit stabilen und instabilen Phasen.
Ausgangspunkt der Interventionen in der Ganzheitlichen Entwicklungsbegleitung ist der Moment der Begegnung, der Augenblick, in dem der Kontakt stattfindet. Die Entwicklungsbegleiterinnen und Entwicklungsbegleiter beziehen sich auf die zu diesem Zeitpunkt aktuellen Befindlichkeiten des Menschen und Gegebenheiten der jeweiligen Situation.
Die Ganzheitliche Entwicklungsbegleitung ermöglicht über gelungene Dialoge, dass ein Mensch seine Bewusstseins- und Beziehungsfähigkeit erweitern kann. Sie eröffnet neue und kreative Entwicklungswege.